Royal bitte Schritt

Wie ein Sportpferd zum Therapiepferd wurde. Und warum sich das gelohnt hat.

© Tonality Communications

Es gibt Geheimnisse, die Raphael nur Royal anvertraut. Eine Handbewegung genügt und das Pferd senkt den Kopf auf die Höhe des Sechsjährigen. Vorsichtig beugt sich Raphael vor und flüstert Royal all jene Dinge ins Ohr, die er nur mit dem Pferd teilt. Die Handbewegung ist ein gelerntes Kommando. Schon, dass Raphael es gibt und das Pferd reagiert, stärkt sein Vertrauen zum Tier, stärkt den kleinen Raphael auf dem Weg zu sich selbst. Er kennt bereits viele dieser Kommandos. „Royal bitte Schritt“ – und das Pferd setzt sich in Bewegung. „Royal bitte halt“ und es bleibt stehen. Höfliche Kommandos, die dem Tier mit Respekt begegnen. Und Kommandos, die auch Royal erst lernen musste.

Auf zu neuen Ufern

Eigentlich ist Daniela Schadens achtjähriger Wallach Royal Highness ein Sportpferd, das im Winter trainiert, um im Sommer an Turnieren teilzunehmen. Nach wenigen Wochen am Sterntalerhof fällt Daniela auf, wie Royal beginnt, die Stimmung aufzunehmen. Auf Kinder hat er mit seiner unbeschwerten Neugier eine fast magische Anziehungskraft, aber auch im Team kommt die Frage auf, ob das Sportpferd Royal nicht auch ein gutes Therapiepferd wäre. „In Fachkreisen ist das ein umstrittener Ansatz“, lächelt Daniela, Pferdewirtin am Sterntalerhof „das hat mich erst recht angespornt, es zu versuchen.“ An Royals Seite beschreitet sie einen neuen Weg, eine lange Ausbildung, die Daniela und ihr Pferd zur therapeutischen Bodenarbeit brachte – und schließlich zum heilpädagogischen Voltigieren.

Das Pferd wertet nicht, es akzeptiert den Menschen wie er oder sie ist. „Dieser einfachen Wahrheit liegt ein großer Teil des Erfolgs zugrunde, den man mit Therapiepferden erzielen kann“, sagt Daniela. Die therapeutische Arbeit selbst stellt jedoch hohe Anforderungen an ein Pferd: neutral muss es sein, zuverlässig und stets bemüht. Royal bringt viele dieser Werte mit – auch von Sportpferden wird ein ausgeglichenes und kooperatives Wesen verlangt. Dennoch muss er viel Neues lernen. Kleine Kinder sind unberechenbarer als erfahrene Reiter. Klappernde Blechbüchsen, flatternde Kleider und andere Utensilien, die in den therapeutischen Fantasiegeschichten rund um das Pferd zum Einsatz kommen, müssen ihm ebenso gut bekannt sein wie Kinderlärm oder plötzliche Unruhe. Und dann sind da noch die zahlreichen freundlichen Kommandos, die irgendwann vom Kind selbst kommen werden und nicht mehr nur von Daniela. „Darüber hinaus sind wir als Besitzer auch die Fitnesstrainer unserer Pferde“, erzählt sie weiter: Auch Royals Rückenmuskulatur will für neue Aufgaben gestärkt werden. An Trainingstagen steht aber immer auch „Ausgleichsarbeit“ am Programm: Dann soll das Pferd den Kopf frei kriegen, einfach mal übermütig auf der Koppel galoppieren und das Leben genießen. „Denn nur wenn es Royal wirklich gut geht“, lächelt Daniela, „kann er die hohen Erwartungen erfüllen, die wir an ein Therapiepferd stellen“.

Viele bunte Wäscheklammern

„Royal bitte Schritt.“ Raphaels Worte klingen schon etwas kräftiger, nur wer genau hinhört, spürt seine innere Anspannung. An allen möglichen Stellen des Pferds hat Daniela Wäscheklammern angebracht, jede hat eine andere Farbe. Raphael musste dabei seine Augen schließen. Jetzt hat er sie geöffnet und Royal setzt sich in Bewegung. Noch etwas unsicher sitzt der Sechsjährige auf dem Rücken des mächtigen Pferds. „Als Erste hätt ich gern die Blaue“, sagt Daniela. Raphaels Augen beginnen, den Pferdekörper abzusuchen. Wo ist die blaue Wäscheklammer? Da, am Gurt, direkt vor ihm. Jetzt die gelbe, sie ist schon etwas besser versteckt. Und die grüne, die erreicht er nicht. Nicht, während das Pferd geht, sich bewegt, alles schaukelt. „Royal bitte Halt.“ Das Pferd bleibt stehen. Langsam beugt sich Raphael vor, immer weiter, hält sich fest, sackt wieder zurück. Royal steht ruhig und atmet tief. Noch ein Versuch, jetzt mit beiden Händen – das bedeutet loslassen, langsam loslassen, sich weit vorbeugen und – geschafft! Wie einen Pokal hält Raphael die grüne Wäscheklammer in die Höhe. Geschafft, das scheinbar Unschaffbare. Aus Vorsicht wird Zuversicht. Aus Vertrauen erwächst Mut, Mut zu mehr Selbst-Vertrauen. Danke, Royal, Feuertaufe bestanden. Raphael und Daniela mischen eine leckere Belohnung aus Hafer, Ölsaaten und Mineralien. Bis das letzte Körnchen aufgeschleckt ist, bleibt das Kind neben dem Pferd stehen. Dann erst bittet Raphael ein letztes Mal an diesem Tag um Royals Ohr. Nur noch ein kleines Geheimnis, von Kind zu Tier. Aus dem Sportpferd ist ein Co-Therapeut geworden.

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